Ballonsport

Wilhelmine Reichard – Pionierin der deutschen Luftfahrt

Johanne Wilhelmine Siegmundine Reichard (geborene Schmidt; *2. April 1788 in Braunschweig; † 23. Februar 1848 in Döhlen) gilt als die erste deutsche Ballonfahrerin und eine der bedeutendsten Luftfahrtpionierinnen des frühen 19. Jahrhunderts. Sie war eine Frau, die zu einer Zeit, in der Frauen im öffentlichen Leben nur sehr begrenzte Rollen zugestanden wurden, mit grenzenlosem Mut, wissenschaftlichem Interesse und organisatorischem Geschick in die Geschichte der Luftfahrt einging.

Frühes Leben und persönliche Hintergründe

Wilhelmine wurde als Tochter eines herzoglichen Mundschenks in Braunschweig geboren und wuchs dort in bescheidenen Verhältnissen auf. Über ihre frühe Kindheit ist wenig dokumentiert, doch ist belegt, dass sie 1806 Gottfried Reichard heiratete – einen Physiker und Ballonfahrer, der sich für die damals neue Technologie der Gasballons begeisterte. Mit ihm hatte sie insgesamt acht Kinder; bei ihrem ersten Solo‑Ballonstart war sie bereits zweifache Mutter.

Die familiäre Partnerschaft war nicht nur privat, sondern auch wissenschaftlich und beruflich eng: Gemeinsam mit ihrem Ehemann entwickelte und erprobte sie frühe Ballonkonstruktionen, die auf dem damals neuen Prinzip mit Wasserstoffgas basierten, und bereitete sich auf ihre späteren Alleinflüge vor.

Erster Alleinflüge und erste Erfolge

Der 16. April 1811 markiert einen historischen Moment: Von Berlin aus startete Wilhelmine zu ihrer ersten allein geflogenen Ballonfahrt. Sie stieg auf eine Höhe von rund 5 000 Metern und legte mehr als 30 Kilometer zurück, bevor sie wohlbehalten in Genshagen landete. Diese Fahrt begründete ihren Ruf als erste deutsche Ballonfahrerin, auch wenn zuvor in anderen Ländern bereits Frauen, etwa die Französin Sophie Blanchard, ähnliche Leistungen vollbracht hatten.

Nur wenige Wochen später, am 6. Mai 1811, folgte eine weitere Fahrt, diesmal bei schweren Wetterbedingungen und niedrigeren Höhen. Doch sie nahm die Herausforderungen an und setzte ihre bahnbrechenden Experimente fort.

Höhenrekord und dramatische Erfahrungen

Eine der spektakulärsten Etappen in Reichards Karriere war ihre dritte Ballonfahrt am 30. September 1811 von Dresden aus. Mit einem selbstgebauten Gasballon erreichte sie eine damals erstaunliche Höhe von etwa 7 800 Metern – weit über allen bisherigen Höhenflügen. Allerdings führte die dünne Luft zu einem lebensbedrohlichen Zwischenfall: Wilhelmine verlor das Bewusstsein, fiel aus dem beschädigten Ballon und stürzte in einem Waldgebiet nahe Saupsdorf ab.

Trotz dieses dramatischen Unfalls überlebte sie; ihre Notlandung blieb ohne tödliche Folgen, und der Vorfall wurde in der zeitgenössischen Presse und Literatur breit dokumentiert. Ein Gedenkstein an der Absturzstelle erinnert noch heute an dieses Ereignis.

Kommerzielle Ballonfahrten und wissenschaftliche Beiträge

Nach einer Pause von mehreren Jahren nahm Wilhelmine ab 1816 ihre Ballonfahrten wieder auf, unterstützt von neu konstruierten Ballonen und wachsendem öffentlichen Interesse. Sie entwickelte sich zu einer der ersten professionell tätigen Ballonfahrerinnen in Deutschland – oft gegen Eintrittsgeld und vor großem Publikum.

In dieser Phase führte sie nicht nur sportliche Aufstiege durch, sondern auch wissenschaftliche Beobachtungen: Sie führte Wetterbeobachtungen, Temperaturmessungen und andere Messdaten auf ihren Fahrten durch, die sie gemeinsam mit ihrem Mann auswertete. Dadurch trug sie nicht nur zur Popularisierung des Ballonfahrens bei, sondern auch zu Erkenntnissen über die Atmosphäre und frühe meteorologische Forschung.

In den kommenden Jahren wurde sie in vielen Städten Europas zu einer Berühmtheit. Zu ihren Flügen gehörten Starts in Prag, Wien und anderen bedeutenden Zentren der damaligen Zeit. Besonders ihr letzter dokumentierter Flug erfolgte beim Oktoberfest in München im Jahr 1820, wo sie als Höhepunkt einer Luftfahrtvorführung vor zahlreichen Zuschauern aufstieg.

Wirtschaftliche Nutzung und spätere Jahre

Ein wesentlicher Teil von Reichards Karriere war weniger sportlicher, sondern wirtschaftlicher Natur. Die Einnahmen aus ihren Ballonfahrten nutzte sie gemeinsam mit ihrem Mann, um eine chemische Fabrik in Döhlen zu finanzieren. Diese Fabrik, die ab 1821 Schwefelsäure produzierte, war ab den frühen 1820er Jahren ein wichtiger wirtschaftlicher Rückhalt für die Familie und trug wesentlich zur finanziellen Stabilität der Reichards bei.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1844 führte Wilhelmine das Unternehmen weiter und leitete es bis zu ihrem eigenen Tod im Jahr 1848. Sie starb an einem Schlaganfall und wurde auf dem Friedhof von Döhlen beigesetzt; ihre Kinder setzten das Familienunternehmen zunächst fort.

Bedeutung und Vermächtnis

Wilhelmine Reichard gilt heute nicht nur als erste deutsche Ballonfahrerin, sondern auch als eine Pionierin der sogenannten „Luftfahrt der Wissenschaft“: Ihre Höhenrekorde, wissenschaftlichen Messungen und professionellen Alleinflüge machten sie zu einer bedeutenden historischen Figur in der frühen aeronautischen Forschung.

Ihr Einfluss lebt vielerorts weiter: Zahlreiche Straßen, Schulen und Gedenktafeln tragen ihren Namen. Auch Museen, Sammlungen und Publikationen über die Geschichte der Luftfahrt würdigen sie als Pionierin. Zu ihrem 200. Geburtstag und zu anderen Jubiläen wurde ihr Wirken in zahlreichen Ausstellungen, Publikationen und Erinnerungsveranstaltungen hervorgehoben.

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